Der Klang der Zeit - Zur Musik von Sven-Åke Johansson
Ausdruckswerte jenseits der Subjektivität
Inzwischen verfügt Johansson nicht nur souverän über das ganze Spektrum der unterschiedlichsten Klangintensitäten und - Qualitäten, längst hat auch ein Gespür für die Ausdrucksqualitäten der Klänge entwickelt, die er erzeugt. Seine Musikalisierung der Alltagswelt hat bisweilen systematischen Charakter. Dies hält ihn aber nicht davon ab, auch seine eigenen Vorlieben und Präferenzen zu vervolgen und zum Ausdruck zu bringen.
Doch sein Verhältnis zu den eigenen Vorlieben ist mindestens genauso Komplex wie seine Vorstellung vom Ausdruckscharakter der Klänge. Seit langem hat er sich innerlich von der Vorstellung einer freien Entfaltung der Klänge distanziert, die Idylle einer umfassenden Poetisierung des Alltags kommt ihm trügerisch vor, statt dessen faszinieren ihn Klänge, die nur gegen Druck und Wiederstand entstehen und die diese widerstrebenden Kräfte auch hörbar werden lassen. Solche schnell abbrechenden und verstummenden Klänge stehen ihm auch für eine Zurücknahme der eigenen Subjekivität. Während die den Kartons und den Telefonbüchern abgepressten Klänge eine Ahnung von der inneren Anspannung vermittelt, die auf ihre Befreiung wartet, begreift er selbst die Zurücknahme der eigenen Subjektivität als die Form, die wirklich Freiheit bedeuten könnte.
Die Musikalisierung eines Alltagsgegenstandes besteht zunächst darin, die intressantesten Kombinationen der verschiedenen Parameter zu bestimmen, mit denen sich das Klangspektrums eines Objekts möglichst vollständig vorführen lässt. Insofern bilden neben den Klangmaterialien selbst vor allem die Techniken, sie zum Klingen zu bringen, das Thema seiner Kompositionen und Performances dar. Gerade in seinen Solo-Auftritten konzentriert sich Johansson ganz auf ein Material, um alle Aspekte und Paramater seiner Klanglichkeit zur Präsenz zu bringen. Die Struktur einer Komposition ergibt sich unmittelbar aus ihrem Material. Konstanten dieser Arbeit sind rhythmische Aspekte sowie Grundformen der perkussiven Klangerzeugung, die sich von Fall zu Fall abwandeln oder weiterentwickeln lässt. Johansson bevorzugt die weitgehende Reduktion seiner Materialien. Je sparsamer die Mittel, die er einsetzt, desto gründlicher kann er sich mit ihren Variationsmöglichkeiten befassen, desto deutlicher wird die Spannung zwischen den einzelnen Varianten, die er davor bewahrt, in der schieren Vielfalt der Phänomene unterzugehen. Musik ist für Ihn eine Form von Variantion, die Kompositorische Arbeit zielt auf eine Intensivierung der Variationen, die er erzeugt.
Johansson verwendet meist überraschende und ungewöhnliche Aktionen, um alltägliche Objekte zu musikalisieren. Doch zugleich reizen gerade die ganz banalen und unauffälligen Materialien seine Phantasie. Von Anfang an verfügte er über eine sehr persönliche Technik der Präsentation, die als Insezenierung beschrieben werden kann und sehr stark mit Verfremdungseffekten arbeitet. Diese Effekte erzieht der Schlagzeuger insbesondere dadurch, dass er seine Aufmerksamkeit mit extremer Intesität auf die eigenen Tätigkeit konzentriert. Bei seinen Performances scheint er alles, was um ihn herum geschieht, zu ignorieren. Mit dieser Haltung rückt sein manchmal fast absurd wirkendes Tun auch für das Publikum ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Zuschauer wird dazu verleitet, ungewöhnliche Klangobjekte ernst zu nehmen und sich für den Klangcharakter und die Klangfarbe von Gurken, Traktoren oder Telefonbücher zu interessieren.
Der Effekt der Verfremdung und der Irritation betrifft sowohl den Umgang mit den banalen Alltagsgegenständen, die zu Objekten der Kunst erhoben werden, wie umgekehrt die Sphäre der Kunst, deren Weihe auf ganz unspektakuläre Objekte übertragen wird. Dabei ist die technische Virtuosität, die bei Telefonbüchern oder Gurken zunächst ganz fehl am Platze zu sein scheint, die aber gerade in der Musik immer noch ein wichtiges Kriterium hoher Kunst darstellt, für den Performer ein selbstverständliches Element seiner Arbeit. Genauigkeit im Timing in allen rhythmischen Belangen paart er mit einer Souveränität, die bisweilen den Eindruck der inneren Abwesenheit des Akteurs erzeugt, musikalisch aber immer fraglos bleibt.
Die Musikalisierung der Künste
In seiner künstlerischen Praxis hat sich Johansson durch überkommende Gattungsgrenzen nicht beeindrucken lassen. Wenn man bedenkt, wie lange er schon daran arbeitet, ganz alltägliche Dinge in Klangobjekte zu transformieren, kann es nicht überraschen, dass es auch vor einer Musikalisierung der bildenden Kunst, der Malerei und der Literatur nicht zurückschreckt. Doch es geht ihm nicht einfach darum zu zeigen, daß wirklich in allen Dingen Musik ist. Letztlich hält er nur konsequent an der Erforschung seiner Materiealien fest, deren ästhetisches Potential zu seiner Realisierung bisweilen eben statt Musik Sprache oder visuelle Objekte verlangt. So überrascht es nicht, das dieser Performer seine musikalische Techniken längst auch in anderen Bereichen demonstriert. Manche Klangmaterialien verarbeitet er zu Assemblagen und Bildobjekten, die so fast unbemerkt die Grenze zur bildenden Kunst überschreiten. Sobald seine Performance sprachliche und lautpoetische Momente mit einbeziehen, berühren sie Bereiche der Theaters und der Dichtung.
Unter den zahlreichen Büchern des Schweden sind Textbände ebenso wie Bildbände. In seinen Texten operiert er mit der Sprache jenseits fest gefügter syntaktischer und semantischer Zusammenhänge. Gerade die gezielten Unschärfen und Abweichungen von der regulären Verwendung der sprachlichen Komponenten erzeugt eine Intensivierung des sprachlichen Potentials. Meist meint man zu ahnen, wovon die Rede ist, bis der Satz spätenstens an seinem Ende eine völlig unerwartete Wendung erhält. Auf diese Weise entstehen Bilder von fantastischer Farbigkeit. Zu den Bildbänden zählt auch der ganz in Grün gehaltene Band Gurken mit Zeichnungen verschieder gurkenförmiger Objekte, denen ein Verzeichnis beigefügt ist, in dem sich Titel wie "siebenbürger salzgurke" "belgische schlangengurke", "polnische landgurke" oder "bielefelder römergurke" finden. Auch dieses Buch beruht auf der unermüdlichen Arbeit des Registrierens und der Repertoirebildung mit ihrem typischen, bisweilen fast zwanghaft-systematischen Zug, der an die in Museen zur Schau gestellte Sucht der Sammler erinnert.
Sabine Sanio

